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Gesund werden

Kann ganz schön anstrengend sein, so ein malischer Patient.

Alle kommen ihn zu grüßen (saluer le malade) und gute Besserung zu wünschen (meilleure santé, meilleure santé), alle Stunden quietscht das Gartentor: Souleymane, unserer Guide bei allen Wanderungen in der Falaise mit unseren Freunden, ein Bruder von Elène, eine Tochter von Elène, 10 Kinder aus unserer Straße, Aly, ein ehemaliger Chauffeur vom Projekt, Youssouf, der ehemalige Agronom vom Projekt, Souleymane, der Autowerkstättenbesitzer, Bruno, der rechte Nachbar, Sidibe, der Nachbar linkerhand, die Frau von Bruno, Aly, der Rezeptionist vom Hotel Falaise der dabei ist ein Cyber-Café aufzubauen, Bagayogo, der Projektbuchhalter, Amidou, der ehemalige Wächter von Thomas, Djiguiba, der Hausbesitzer, ein unbekannter Freund von Diewolo, Moussa, der begnadete Gärtner*, Badji, der Schlosser… : „Il ne mange pas? Il doit manger, il doit bien manger! Il fume trop? Ce n’est pas bon ! Il doit pas fumer, il doit pas fumer! Il a beaucoup de douleur? Ca va aller, ca va aller, ca va passer! Ca va mieux quand même? Meilleure santé ! Courage, courage, vraiment ! Meilleure santé, meilleure santé !“

Und alle erzählen eine Erfolgsstory von dem traditionellen Heiler in Ficko. Nach der Diagnose im Spital von Mopti wäre dies – neben einer Überstellung nach Bamako oder gar nach Europa – die dritte Option gewesen. Niemand ginge mit einem Knochenbruch ins Spital sondern man fährt nach Ficko, alles wurde dort geheilt und rehabilitiert: falsch zusammengewachsene Bein- und Armknochen hat der Heiler wieder auseinandergebrochen, neu geschient und wiederhergestellt, postoperative Schmerzen kuriert, einen angeschwollenen Arm, den sie im Spital amputieren wollten, behandelt und gerettet, ein gebrochenes Schlüsselbein ist binnen einer Woche ausgeheilt….

Früher waren die Heiler in Anakanda die Besten, erfahren wir bei diesen Krankenbesuchen. Aber die Gier nach Geld und Reichtum hielt Einzug im Dorf. Für das Wunder des Heilens darf man aber nichts verlangen, jeder gibt das, was er will und kann. Darum wurde Anakanda diese Gnadengabe weggenommen und macht nun in Ficko Station.

Alle Alternativmedizin-Anhänger mögen Hinnerk verzeihen: Er hat in diesem Fall mehr der guten alten Schulmedizin vertraut und ein Röntgenbild kann etwas unheimlich Wertvolles für die eigene Sicherheit sein.

* Wolfgang, Karin, Michl: Gestern abend gab es Romanesco, von Moussa groß gezogen, mit Mandel-Kapern-Brösel nach dem Rezept aus Eurem Großen Italienischem Kochbuch!

Heilungsverlauf

Ich befürchte, er ist bei seinem Unfall doch auch auf den Kopf gefallen. Demnächst will er als Klimt-Hundertwasser-Marabout in Bandiagara spazieren gehen.
Zwischen Klimt und Hundertwasser

Er will einfach nicht mehr. Das ist die plausibelste Erklärung. Er will einfach nicht mehr Rad Fahren. Aber das zuzugeben ist nicht leicht für einen Mann mit so einer Biographie, schier ein Ding der Unmöglichkeit.
In den letzten 15 Monaten gab es so viele Gründe nicht Rad zu fahren, so viele objektive Gründe, die aufzuzählen sich lohnen: Die ersten Monate der Stress mit dem Haus und der Renovierung, dann die plötzliche Reise nach Österreich wegen dem Tod meines Vaters, dann mein Stress in der Arbeit, dann die Hitzeperiode, wo man schon am Frühstückstisch schwitzt und ohne Klimaanlage gar nicht einschlafen kann, dann die Regenzeit mit den schlammigen Wegen, dann die feuchte Hitze, dann der Besuch von Mutter und Tante, dann der Autourlaub in Burkina, dann der Stress mit Projekt- und Vertragsende, dann die Besuche von Anita mit Familie und von Bruno. Von wenigen Ausnahmen abgesehen war wirklich nie Zeit, sich einfach aufs Rad zu schwingen und „durch die Gegend zu tüddeln“.
Dann kam der Februar. Ich zunehmend entspannt und erholt von meinem Monsterjob, ideale Wetterverhältnisse, viel freie Zeit liegt vor uns. Was kann es Schöneres geben als mit kleinen Touren unsere Körper behutsam wieder an so etwas wie Sport zu gewöhnen? Nur 10 km Luftlinie von Bandiagara entfernt entdecken wir Dörfer einer untergehenden Welt, Höhlenmalereien, sammeln Tamarinden, bewundern Sonnenuntergänge auf dem weiten Plateau.
Es macht Spaß. Aber eigentlich will er ja nicht mehr Rad fahren, nur das Argumentationsinstrumentarium ist erschöpft. Es bleibt ihm vorigen Donnerstag also nichts anderes übrig als mit 50 Sachen oder mehr eine steile, rumpelig gepflasterte Piste hinunterzubrettern, mit einer Hand nach dem vom Fahrtwind erfassten Käppi zu greifen, die Kontrolle zu verlieren und sich hinzulegen: Schlüsselbeinbruch, Rippenprellung, Schürfwunden.
Es sollte nur eine kurze spätnachmittägliche Ausfahrt ins nächst gelegene Dorf werden, und dann dieser Alptraum. Wie ich ihn finde, steht eine Gruppe Schüler erstarrt um ihn herum. Sie setzen ihren Nachhauseweg erst fort, als Hilfe im Anflug ist. Macki, der Chef-Chauffeur im Projekt, bringt uns ins Spital nach Mopti, im Spital in Bandiagara gibt es kein Röntgengerät (genauer gesagt es gibt seit 8 Monaten eines, soll von USAID finanziert sein und so kompliziert, dass der Röntgenassistent seit 6 Monaten irgendwo auf Schulung ist, deshalb ist es – noch – nicht in Betrieb). In Mopti wollen sie ihn gleich dort behalten („hospitaliser“) und am nächsten Tag operieren, aber das verweigern wir, also entweder Überführung nach Bamako oder flugs nach Europa sind die Alternativen. Um Mitternacht zurück nach Bandiagara und am nächsten Tag 700 km ins nächste gute Krankenhaus nach Bamako.
Moussa, mein ehemaliger malischer Projektchef, hat dort alles perfekt organisiert: um 20.00 Uhr abends hat Hinnerk einen Termin beim berühmtesten Unfallchirurgen Malis, ein ruhiger, netter, älterer Herr in weitem Boubou, Professor und General der Armee. Mit wenigen Worten beruhigt er uns, der Bruch sei nicht kompliziert und müsse nicht operiert werden. Er dehnt sanft Hinnerks Schulter, bringt so das Schlüsselbein wieder in eine Linie und legt einen Stützverband an, Kontrolle in drei Wochen. „Aber kein Radfahren bis auf weiteres!“ meint er mit erhobenem Finger und verschmitztem Lächeln. Moussa und seine Familie nehmen uns bei sich zu Hause auf, hegen und pflegen uns rund um die Uhr. Am Montag wagen wir die elfeinhalbstündige Rückreise nach Hause, nach Bandiagara. Unser Leben in Mali, in unserer Villa Garage de Luxe, mag zeitweise wie eine Idylle in einem armen zerrissenen Land anmuten, die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen ist definitiv Realität.
Jetzt ist Hinnerk am Weg der Besserung, hat immer noch starke Schmerzen von der Prellung, liegt gewaschen brav am Rücken auf der Terrasse und döst im milden Nachmittagslicht vor sich hin. Alles wird gut.

PS: Seinem Mounty ist nichts passiert. Genesungswünsche an: hinex@gmx.net

Hahngeschrei, der Tag beginnt. Aufstehen, Morgenwäsche, Kaffee aufstellen, nimmersatte Katzenmutter füttern. Am Tisch auf der Terrasse steht eine zugedeckte Metallschüssel. Elène hat frische Reisküchlein vorbeibringen lassen. Mit einem Gupf Zitronenmarmelade aus Djenné – mmhhmm, kann schon was, so ein Frühstück.
Um neun Uhr kommt Elène, sie fragt um einen freien Tag. Sie könne an einem dreitägigen Seminar für Frauen teilnehmen, wo sie Kleinhandel lernen – wie plane ich, was brauche ich, wie rechne ich meinen Gewinn aus. Sie müsse sich auf die Zeit nach uns vorbereiten und komme am Abend vorbei. Wir finden das super, weil wir uns eh Sorgen machen, wie sie ab April ihre Familie ernähren wird, fünf Kinder, schwanger mit einem sechsten, arbeitsloser Mann. Mir ist es außerdem recht, einen „freien“ Vormittag zu haben, ich bin es bis heute nicht gewohnt, dass neben mir jemand im Haus herumwerkt. Ob sie von dem Seminar wirklich erst heute erfahren hat oder sich nicht früher zu fragen traute oder es vergessen hat oder wartete, ob das Seminar tatsächlich stattfinden wird… wir werden es nie wissen.
Der Tag hat gut begonnen, das Wetter ist ideal, nicht mehr kalt, noch nicht zu heiß, nicht windig, nicht staubig. Nach einer kurzen Yoga-Einlage setze ich mich auf der Terrasse an meinen „alternativen Abschlussbericht“. Auf den obligatorischen formalen Abschlussbericht hat die GIZ ja verzichtet, weil bis Vertragsende dafür keine Zeit mehr war. Das gibt mir auch einen Freiraum, ich muss mich nicht an das Format halten und kann, wie sag ich’s, undiplomatisch im Ausdruck sein. Es ist mir ein dringendes Bedürfnis meine Erfahrungen mit der EZA-Administration aufzuschreiben, was ich dieses Jahr erlebt und erfahren habe, kann ich nicht einfach so stehen lassen, auch wenn ich noch nicht weiß, wen das interessieren könnte. Hat wer eine Idee?
Leichtes Mittagessen mit kalter Gurkensuppe und Kirchenerbsen-Antipasto à la Val Maira. Geht es uns gut. Das Gartentor quietscht, eine Frau mit einer Kalebasse kommt auf uns zu. Souleymane hat sie vorbeigeschickt, sie ist Peul aus einem 7km entfernten Dorf und verkauft jeden Tag frische Milch in Bandiagara. Die Männer kommen am Vormittag mit der Herde ins Dorf zurück, die Frauen melken und gehen verkaufen. Frische Milch! Keine Nestle-Trockenmilch, keine sterilisierte Milch in der Plastikflasche aus Bamako (wer weiß woher ursprünglich) um umgerechnet 3,50 Euro, keine Kondensmilch in der Dose aus den Niederlanden („Evaporated Filled Milk is prepared by modern process from finest non-fat solids and refined vegetable oils“ ???), einfach frische Milch! Wir kaufen den ganzen Vorrat auf und sie reicht uns einen Schluck zum Kosten: Michl, rahmiger kann keine Oberstalleralmmilch sein! Das schreit förmlich nach Apfelstrudel mit Schlagobers (ja, auch Äpfel gibt es hier zu kaufen, ob die aus der Elfenbeinküste oder aus Frankreich kommen, kann niemand sagen). Wir können uns nicht verständigen, ihr Schöpflöffel ist die Maßeinheit, so halte ich ihr eine Handvoll Münzen hin, sie nimmt sich ihren Anteil und geht. Nach über einem Jahr beginnen wir, die Lebensweisen und Austauschbeziehungen zwischen Dogon und Peul ein bisschen zu verstehen.
Der Nachmittag verfliegt im Nu, ich bin richtig zufrieden mit mir, ein Hauptkapitel meines Pamphlets ist fast abgeschlossen. Hinnerk hat den Tag im Salon mit Schnittzeichnen und Katzenpapa spielen verbracht. Ist mir fast peinlich, schon wieder vom Essen zu schreiben, in einem Land mit dieser Nahrungsmittelkrise. Aber die Polenta mit dem Lauch in Kokossauce zum Abendessen war einfach zu köstlich. Der Lauch kommt von Moussa, dem begnadeten Gärtner hinter dem Rathaus am Yame-Fluss, der auch Gemüse, das nur die Weißen essen, anbaut: Lauch, Fenchel, Rucola, Thai-Basilikum, Rote Rüben…
Fernsehabend bei unserem Wächter: Die Afrika-Cup-Spiele, bei denen der Außenseiter Mali die Ghanesen heimgeschickt (Cordaba!) – gegen die Elfenbeiner hatten sie dann keine Chance mehr – den dritten Platz und sein bestes Ergebnis seit Jahrzehnten errungen hat, sind vorbei. Aber nun geht es wieder los mit den Übertragungen der Champions League. Barcelona gegen Leverkusen, der Wächter hält natürlich zu den Deutschen, alles was er ist und hat, kommt ja von ihnen, erklärt er uns. Gegen so ein Argument ist selbst ein Messi machtlos.
Gegen 22.30 machen wir uns auf zur Auberge Kansaye, es ist Valentinstag und es gibt einen Tanzabend. Der Winter, besser gesagt die Kälteperiode, ist vorbei. Auf dem Weg durch die düsteren Straßen sieht man, wie das Leben im Freien wieder erwacht. Frauen braten vor den Häusern Fritten oder kleine Krapfen, Gruppen junger Männer sitzen rund um eine Teekanne auf Holzkohlenglut, ein Esel steht mitten auf der Fahrbahn, ein paar Ziegen flüchten in den nächsten Innenhof, Koranschüler rezitieren vereinzelt mit ihrem Schreibbrett in der Hand im Singsang ihre Verse, aus dem einen und anderen beleuchteten Kiosk krächzt laute Rap-Musik, Kinder rufen uns „Cadeaux, cadeaux (Geschenk, Geschenk)!“ nach. Der Eingang zum Lokal ist mit bunten Luftballons geschmückt, um 1000 FCFA erhalten wir eine Einladungskarte im Kuvert, mit Stempel.
Einige Tische sind besetzt mit jungen Männern und Frauen, die Tanzfläche ist noch leer. Neben uns nimmt der Kellner von der „Fraternité“, dem Terrassencafé am Rond Point, in Begleitung von drei hübschen jungen Frauen Platz und besorgt für alle Getränke. Vor zwei Monaten hat er uns noch erzählt, dass er vor kurzem aus Nigeria hierhergekommen sei und wie fad hier alles wäre. Das Problem scheint sich ja erledigt zu haben. Wir holen uns ein Bier und um 23.00 beginnt die offizielle Eröffnung: Ein Abgesandter des Bürgermeisters bittet, sich im Kreis aufzustellen und begrüßt in dessen Namen die Gäste, uns „Allemands“ nochmals extra, beim „Fest der jungen Verliebten“. Er ist in Begleitung der Frau des Bürgermeisters – dieser selbst sei auf Reisen – und legt einen gewandten Eröffnungstanz mit ihr hin. Die Tanzfläche füllt sich, und wir fragen uns, wo sich all diese Girls in hautengen Jeans, Superminiröcken, High Heels, Glitzerleibchen und Langhaarperücken wohl untertags herumtreiben, da ist das Stadtbild von traditionell Gekleideten geprägt. Ob sie sich nachts in diesem Outfit heimlich aus dem Haus schleichen? Was wissen wir schon nach diesem kurzen langen Jahr. Auch wir schwingen zu ein paar Nummern das Tanzbein, doch bald brechen wir auf, sind halt nicht mehr die Jüngsten.
Schon schön, so ein Tag. Wir haben ja Retour-Ticket.

Mitte Jänner, kurz nach dem Festival in the Desert in Timbuktu, hat eine Gruppe von Tuaregs mehrere Städte im Norden Malis angegriffen. Sie nennt sich „Bewegung für die Befreiung des Sahel“ MNLA und fordert für ihre Region die Unabhängigkeit von der Zentralregierung in Bamako. Die Unterstützung in der Bevölkerung für diese Forderung scheint allerdings recht spärlich zu sein. Tuaregaufstände gab es immer wieder in Mali, aber in den letzten Jahren herrschte relativer Frieden zwischen Nord und Süd.

Die Kämpfe dauern nun seit 3 Wochen an, es gibt bis heute keine offiziellen Informationen über die Anzahl der Getöteten und Verletzten. Websites der gegnerischen Seite sind gesperrt. Es ist auch nicht bekannt, welche Städte nun in Hand der Rebellen sind (am Dienstag waren es wahrscheinlich zwei der sechs) und welche vom malischen Militär kontrolliert werden. Bisher sollen über 15.000 Menschen in die Nachbarländer Niger, Mauretanien und Burkina Faso geflüchtet sein, nicht nur aus den Krisen-/Kriegsgebieten im Norden, sondern auch aus den Städten im Süden.

Letzte Woche protestierten wütende Ehefrauen und Kinder von Soldaten in Kati, einer Garnisonsstadt bei Bamako. Sie werfen der Regierung Komplizenschaft mit den Rebellen im Norden vor und beklagen, dass ihre Männer ohne ausreichende Ausrüstung und Munition in den Norden geschickt worden seien. Einige Häuser und Geschäfte, die Tuareg-Familien gehören, wurden geplündert und angezündet. Tags darauf breiteten sich die für Mali unüblich gewalttätigen Proteste vor allem von Jugendlichen auf die Hauptstadt und weitere größere Städte, Ségou und Sikasso, aus, die Straßen waren von brennenden Autoreifen blockiert, Geschäfte und Marktstände geschlossen. Panikartig verließen hellhäutige „nordisch“ aussehende Personen und Familien, vorwiegend Tuaregs und Araber, in Autos, Bussen und LKWs die Stadt Richtung Nachbarländer.

Geschockt riefen der Präsident und alle religiösen Führer des Landes in Fernsehansprachen und Predigten zu Zusammenhalt, Toleranz und Ende der Ausschreitungen auf. Diese Appelle scheinen zu fruchten, es kam vorläufig zu keinen gröberen interethnischen Gewaltakten. Viele Malier sind selbst über diese Ereignisse erschüttert. Einige der wenigen weiterführenden englischsprachigen Infos:

http://sahelblog.wordpress.com/category/sahel/mali/

http://philintheblank.net/

Und was machen wir in diesen Tagen? Verunsichert von den zunehmenden Rebellenangriffen, den spärlichen gesicherten Informationen und dem aufgeheizten Klima in der Hauptstadt haben wir vorerst einmal abgewartet. Nun haben wir unseren Rückflug doch erst für Ende März gebucht. Das Dogonland bietet mit seinen Felsklippen und Höhlen seit Jahrtausenden Schutz vor feindlichen Angreifern. In Bandiagara nimmt das Leben seinen gewohnten Gang.

So am Samstag: Wahl der „Ministars“ von Bandiagara.

Nach der erfolgreichen Wahl der Miss Bandiagara im Dezember beschloss ein unabhängiger Jugendverband Bandiagaras, auch noch eine Wahl der Ministars unter den 6-12jährigen Mädchen zu organisieren. Die LehrerInnen der verschiedenen Grundschulen wurden eingeladen, ihre schönsten und besten Schülerinnen zu nominieren. Eine Jury wählte aus den 60 Kandidatinnen die 12 Besten aus, welche eine ganze Woche lang täglich für ihren großen Auftritt getrimmt wurden. Wie viele Tränen da hinter der Bühne geflossen sind, mag man sich gar nicht vorstellen. Bewertet wurden die drei Kriterien Schönheit, Gang und Selbstpräsentation (in französischer Sprache).

Bei der Überlegung, ob wir an einer politisch derart unkorrekten Veranstaltung teilnehmen sollten und sie durch unsere Anwesenheit auch noch aufwerten, überwog die Neugier.

Die Bühne ist bereit. Die Ordnungshüter haben in Bandiagara keine Banditen abzuwehren.

Erste Runde in traditioneller Kleidung

Traditionelle Kleidung modern interpretiert

Runde 2 in moderner Kleidung

Madame XX, die Patin der Mini-Star-Wahl

Blieb uns schon bei den ersten zwei Durchgängen der Mund offen stehen, so übertraf der dritte Programmpunkt „Ausdrucksfähigkeit“ alles Bisherige. Der Reihe nach hielten die Kandidatinnen kurze Ansprachen auf Französisch, alle nach dem selben Muster: „Ich heiße… Ich bin…. Ich liebe… Ich hasse… Mein Berufswunsch… Ich fordere…“

Minimiss am Mikro

Die Aussagen wirkten zwar zum Teil einstudiert, wirkten in diesem Kontext aber überraschend modern und wurden mit Verve vorgetragen:

„Ich möchte Ärztin werden“.

„Ich hasse Gewalt an Frauen und Kindern.“

„Ich fordere die Behörden von Bandiagara auf, das Problem mit der Wasserversorgung zu lösen, das uns jedes Jahr aufs Neue nervt.“

„Ich bitte die Bevölkerung von Bandiagara, für den Frieden im Norden zu beten.“

Anschließend zog sich die Jury zur Wahl zurück und wir gingen auf ein Bier.

Tags darauf, am Sonntag machten wir mit unseren Ministars vom 7. Bezirk einen Ausflug zur Falaise. Alle vier sind 11 Jahre alt und haben noch nie das UNESCO-Weltkulturerbe 30 km vor ihrer Haustüre gesehen. Entsprechend elegant viel die Kleidung aus.

Unsere Ministars am Rand der Falaise

Ministars im Dogondorf

Ministars mit Chauffeur

Erschöpft vom Kulturprogramm in Teli

Und was ist Hinnerk am liebsten, wenn er nicht als Fotograf, Koch oder Chauffeur unterwegs ist?

Hingebungsvoller Katzenpapa

in scharfer Konkurrenz zur

fürsorglichen, stolzen, verfressenen, verspielten Katzenmama.

Hinnerk hat sich am Dienstag beim Wohnung räumen und herrichten verrissen und gegen Abend hat sich ein böser Hexenschuss eingestellt. Tags darauf, nach dem Besuch im Hôpital und den wenig vertrauenerweckenden Medikamenten sind wir – ein Fahrer und ein Hilfsarbeiter aus dem Projekt haben uns begleitet, die ließen sich auch gleich behandeln, „visite technique“ nannten wir es spaßeshalber – mit ihm zu einem traditionellen Heiler in ein Dorf gefahren. Dort, in Ficko, ordiniert der Altmeister mit seinen drei Söhnen.

Die Praxis

Ein Kräutersud wurde gebraut, sein Rücken damit eingerieben, und plötzlich griffen Abdoulaye und Ibrehima zu und bogen und streckten ihn, dass er aufgebrüllt hat. Dann wurde mit einem Kuhhorn geschröpft und mit einem Messer feine Schnitte in den Rücken gemacht, um das „tote Blut“ herauszusaugen…  Aly hat gelacht und ich auch, allerdings mit einen Anflug von Übelkeit im Hals. Wie ich an die Reihe kam zu einer präventiven Kurzbehandlung, verging es mir völlig.

Behandlungsraum

Neben dem Schröpfen lässt sich schön mit dem Handy spielen

Ich erhielt vom Altmeister den Auftrag, am Abend ein Huhn zu köpfen und zuzubereiten, damit er zu Kräften kommt. Zufällig – aber jeder Dogon würde an Vorsehung glauben – hat uns am Vortag unser Hausbesitzer einen lebenden Hahn geschenkt (weil er uns seit 10 Monaten 55.000 FCFA schuldet und immer noch nicht zurückzahlen kann, sag ich nun mal). Ich rief sofort den Wächter, der hat mir binnen einer halben Stunde den Hahn geköpft, gerupft und ausgenommen. Beim Zerteilen musste ich ihm helfen, da hatte ich das erste Mal in meinem Leben ein lebendwarmes Fleisch in der Hand, fühlte sich irgendwie so eklig an wie kuhwarme Milch auf einer Alm. Dann kochte ich es griechisch-senegalesisch mit Zwiebel, Zitrone, Senf, Chili, Thymian und Olivenöl.

Gegen 23.00 rief mich der Wächter, er stand da im dunklen Garten mit einem großen stattlichen Mann neben ihm. Ich dachte schon, der hätte eine Knarre in der Hand, weil er den rechten Arm eigenartig hinter dem Rücken des Wächters hielt. Die Ereignisse von Hombori gehen nicht spurlos an einem vorbei, und ein Besuch um diese Uhrzeit ist auch nicht alltäglich. Aber er stellte sich als Direktor des Postamts vor, der bei demselben Heiler in Behandlung ist, und wollte meinen Mann nur „grüßen“, d.h. sich gegenseitig gute Besserung wünschen. Er zeigte mir seine schmerzende eingebundene Schulter und erzählte mir seine Krankheitsgeschichte. Als Weiße nahm ich mir die Unhöflichkeit heraus, ihn nicht ins Haus zu lassen und Hinnerk nicht zu wecken.

Tags darauf ging es Hinnerk tatsächlich besser, aber er lag den ganzen Tag noch brav am Rücken im Bett – so wie es der Altmeister angeordnet hat. Seit gestern ist er wieder auf den Beinen.

Geschnitten und geschröpft

Ich glaube ich werde noch lange nicht arbeiten, das Leben ohne zu arbeiten ist viel zu spannend.

heaven on earth

perfekte außentemperatur, perfekte wassertemperatur – wieso mußte ich nur ständig an Michl denken ?!

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