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Posts Tagged ‘Abschied’

Kinder des Glücks

Wir waren angespannt bis zuletzt, trotz zahlreicher lieber Menschen waren wir unsicher, wie alles ausgehen wird. Drei Tage war der Flughafen geschlossen, Montag Mittag erfuhren wir, dass unser Flug am Mittwoch Abend planmäßig stattfinden soll. In Windeseile begannen wir, unser zurückgelassenes Hab und Gut auf Freunde, Bekannte, und Nachbarn zu verteilen, unsere letzten Koffer zu packen, das Auto startklar zu machen, uns nochmals zu verabschieden.

Am Dienstag eine unspektakuläre zehnstündige Autofahrt nach Bamako, Wehmut beim letzten Blick auf die Felsen des Dogonplateaus, die sandige trockene Weite, die eleganten Peul-Hirten und Märkte entlang der Straße. Keine zusätzlichen Militärposten, alles ganz normal.

Mittwochs ab 7.00 morgens Hektik pur. Hinnerk muss gemeinsam mit Macki Gepäckstücke, die vor einer Woche ein ehemaliger Kollege aus Bandiagara mitgenommen und bei sich eingestellt hat, in Kati abholen – Kati ist die Garnisonsstadt vor den Toren Bamakos, wo der Putsch seinen Ausgang genommen hat und die Straße dorthin soll „eher gemieden“ werden. Um 10.00 bestätigt endlich Brussels Air, dass der Flug tatsächlich stattfindet.

Der Frächter für unser unbegleitetes Fluggepäck hatte letzten Endes doch keinen Lieferwagen, mit dem er unsere 12 Kisten abholen und zum Zoll bringen konnte. Und nochmals klopfen wir uns auf die Schulter, dass wir Macki, den ehemaligen Chefchauffeur des Projekts für diese Reise angeheuert haben, denn der macht einen Anruf und nach einer Stunde steht ein Kleinbus vor unserer Herberge und liefert unser Hab und Gut zum Frachtflughafen. Wir reisen mit unglaublichen 335 kg zurück nach Europa! Die Zöllnerin schüttelt nach Öffnung der dritten Kiste nur mehr den Kopf, was diese zwei Weißen alles mitnehmen – Fell und Hörner von Benno, unseres zu Tabaski geopferten Schafbocks, wertlose Strohkörbe, Tonteller und Kalebassen, Gartenwerkzeug, Schuhe – und beendet die Kontrolle.

Der Tierarzt schickt die Einreisepapiere für Ulrike mit einem Boten, aber der kommt und kommt nicht, bis er dann nach mehrmaligen Telefonaten doch plötzlich dasteht. Kein Mensch hat übrigens diese Papiere kontrolliert, nicht in Mali, nicht in Brüssel, wo wir umsteigen, nicht in Wien.

Eine kurze Dusche geht sich noch aus, dann ab zum Flughafen. Dort wartet Moussa, mein malischer Projektchef, auf uns, mit einem Abschiedsgeschenk, dem Wappen einer Touareg-Familie. Erst im Flugzeug lese ich seine Karte „… bei Euch habe ich mich zu Hause gefühlt wie in einem Dorf, weit entfernt von Kapitalismus und jeder anderen Diskriminierung…“ Da gehen unsere Herzen doppelt auf.

Dieu est grand ruft Hinnerk am Donnerstag aus, wie wir erfahren, dass es in Bamako wieder brodelt. Der Flughafen wurde vormittags von Demonstranten gestürmt, die gegen die Landung von fünf Staatspräsidenten, protestierten. Den ruhigsten Tag des Putsches haben wir zwei Monate im voraus ausgewählt, um auszufliegen. Jetzt sitzen wir erschöpft nach einem 48-Stunden-Marathon in Wien und schnattern bei 21°C. Und ich gebe auf die Schnelle ein Telefoninterview:

Nachbarstaaten wollen Grenzen dichtmachen – Mali – derStandard.at › International.

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Sundowner zum Abschied

Und plötzlich ist ein Jahr vorbei. Tabaski ist ins Land gezogen und es wird Winter. Die Hirseernte ist in vollem Gange, das intensive Grün weicht mehr und mehr den Brauntönen, der Wächter gießt morgens den Garten mit einer dicken roten Fleece-Jacke und einer orangen Schimütze auf dem Kopf (gut, die trägt er das ganze Jahr über). Man vermeidet, sich spät abends zu duschen, weil sich das Wasser zu kalt anfühlt.

Im Projekt ist viel Unerwartetes passiert: Mitte September kam unser Geldgeber KfW (deutsche Entwicklungsbank) zu Besuch und teilte bei dieser Gelegenheit mit, dass sie die Kooperation mit dem DED  mit Ende 2011 beenden und ab 2012 mit einem internationalen Konsulentenbüro zusammenarbeiten wird. Meine Stelle als Entwicklungshelferin/Projektmanagerin ist damit auch gestrichen.

Ende September mussten wir alle 27 angestellten Mitarbeiter kündigen. Die Frustration, den Ärger und die gesamte Stimmung im Projekt könnt Ihr Euch vielleicht vorstellen, nach 20 Jahren ein so plötzliches Ende. Alles andere als die viel gerühmte „Good Practice“ in der Entwicklungszusammenarbeit. Und auch ganz anders als die Zusammenarbeit mit Deutschland hier wahrgenommen wird: langfristig planend, wohl überlegt, verlässlich.

Begründet hat die KfW diese Entscheidung damit, dass sie ihre Umsetzungsstruktur verändern „harmonisieren“ will – sie arbeitet auch sonst mit Konsulentenfirmen, die Kooperation mit dem DED im Dogonland war eine Ausnahme. Als zweiter Grund wurde angeführt, dass der DED wegen der Fusion mit der GTZ ab 2012 die Kontoführungsberechtigung verlieren wird, der Bank blieb also gar nichts anderes übrig, als in Windeseile einen Konsulenten zu suchen. Wahrscheinlich wird eine deutsche Firma die Ausschreibung gewinnen und die nächsten fünf Jahre weiter Kleinstaudämme bauen, auf eigene Gewinnmaximierung ausgerichtet.

Na ja. Diese Argumentation ist schon etwas dünn und kaum nachvollziehbar. Wirklich schlimm ist, dass es nicht ansatzweise eine inhaltliche Auseinandersetzung gab oder gibt. Wenn zum Beispiel schwerer Missbrauch von Projektmitteln, mangelnde Effizienz oder massive Qualitätsmängel bei den Resultaten nachgewiesen worden wären, würde ich so eine Ho-Ruck-Entscheidung verstehen. Aber es geht nur um verfahrungstechnische Fragen, und das können die Leute hier vor Ort überhaupt nicht verstehen.

DED und KfW verlangen nun von den gekündigten Mitarbeitern, in den letzten zwei Monaten die Ergebnisse von 20 Jahren Arbeit noch fleißig zu „kapitalisieren“ (neues Modewort in der EZA für Erfahrungen aufarbeiten, dokumentieren), um das angesammelte Wissen an den Konsulenten weiterzugeben. Das heißt z.B. ein Manual verfassen „Wie warte ich einen Staudamm“ oder „Wie organisiere ich die Dorfbevölkerung“. Die Mitarbeiter sind dafür natürlich null motiviert. Ich verstehe sie.

So unrühmlich dieses Projektende ist, mir kommt es trotz allem entgegen. Es war ein sehr anstrengendes Arbeitsjahr. Ich habe beschlossen, nicht zu „kapitalisieren“ sondern in meinen heiß ersehnten Urlaub zu starten. Wir reisen durch Burkina Faso und vielleicht in den Norden von Ghana und kommen Anfang Dezember zurück. Und so wie es aussieht, werden wir mit Frühlingsbeginn wieder in Österreich landen.

Tao, mein Stellvertreter für die letzten zwei Monate, wird alles richten

Der Abschied vom Projekt war berührend. Zuerst wollte ich das Fest mit dem allgemeinen Abschluss“fest“ im Dezember zusammenlegen, weil ich ja nur auf Urlaub gehe, aber das war nicht akzeptabel. Dann habe ich mir ein Picknick auf dem Dogon-Plateau gewünscht. Es war sehr sehr schön, mit ein bisschen Tanz, Spiel, Temoignages (wer wollte, sagte etwas Persönliches zu meinem Abschied) und gutem Essen. Am Ende ließen wir einen chinesischen Lampion in den Nachthimmel steigen, und die Kollegen haben Allah gedankt.

Festvorbereitung

Abschiedsrunde

Mit Moussa, dem malischen Projektchef

Tanz auf dem Felsen

Endlich frei

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Der Anruf kam am späten Nachmittag des dritten Februar, in der monatlichen Schlussabrechnung fehlten 7 CFA und ich wollte endlich nach Hause. „Papa“ sagte die Anzeige und mein Atem stockte. Er hatte ja nie angerufen in den letzten Jahren, ab und zu einmal um sich zu vergewissern, ob der Zug, in dem ich von Wien nach Jenbach fuhr, eh keine Verspätung hatte. Er liege im Koma und die Ärzte würden ihm nur noch ein paar Tage geben, aber vielleicht auch nur mehr ein paar Stunden. Mit einem Wirbelsturm an Gefühlen in mir, mit dem Bild von meinem leblosen Vater in einem Sterbezimmer des Schwazer Krankenhauses im Kopf, blieb ich gelähmt von der Nachricht neben dem Buchhalter sitzen und herrschte ihn an, alleine diese verdammten 7 CFA zu suchen. Was sollte ich bloß tun, alles hier liegen und stehen lassen, gab es überhaupt jeden Tag einen Flug, würde er auf mich warten, wer wird mich hier vertreten.
Der zweite Anruf kam keine Stunde später. „Es ist vorbei“, sagte mein Bruder, er sei ganz friedlich eingeschlafen und alle wären bei ihm. Das nahm der Nachricht etwas von ihrer Schrecklichkeit. Ich begann zu funktionieren, ich versuchte Hinnerk zu erreichen, der mit Freunden auf einer dreitägigen Wanderung in den Dogonfelsen unterwegs war, aber er hatte keinen Empfang. Langsam schob ich mein Fahrrad neben mir nach Hause. Die Jungs, deren Fußballfeld – eine breite sandige Straße – ich allabendlich radelnd durchquerte, packten gleich die Gelegenheit beim Schopf: Zu Fuß konnten sie mir nicht nur wie sonst nachrufen, ich solle ihnen doch mein Fahrrad schenken – und ein breites Lächeln dafür ernten, sondern der Frechste von ihnen packte mit der einen Hand den Gepäckträger und strich mit der anderen fast zärtlich über den Rahmen. Ich lud ihn ein aufzusitzen. Nicht ohne sich vorher verunsichert nach seinen Kumpeln umzudrehen, sprang er auf und saß dann stolz und mit breiten Lachen auf dem unerreichbaren Ding. Sein strahlendes Gesicht begleitete mich, gleichzeitig mit dem Bild von meinem toten Vater in einem sterilen Sterbezimmer, bis nach Hause.
Rast- und ruhelos lief ich im Haus hin und her, setzte mich erschöpft nieder, starrte vor mich hin, telefonierte verzweifelt, suchte Fotos von unserem Abschied im Oktober, bis ich von draußen im Garten Stimmen hörte. Der Projektchef mit seiner kleinen Tochter am Arm und die drei Bereichsleiter – Staudammbau, Pistenbau, Beratung – standen auf der dunklen Terrasse. Sie setzten sich auf unser Sofa im Salon, erzählten von Todesfällen in ihren Familien, von ihren Bräuchen und muslimischen Vorstellungen vom Jenseits, die kleine Tochter turnte ausgelassen auf ihnen herum, sie drängten mich die aufgewärmte Süßkartoffelsuppe zu essen und warteten, bis ich schlafen ging. Am nächsten Morgen, nach einer sehr unruhigen Nacht, kam Thuweba um mit mir zu frühstücken, und wieder waren draußen Stimmen zu hören. Die etwa 30 Projektkollegen standen im Kreis im Garten, jeder drückte mir persönlich sein Beileid aus, dann gingen sie schweigend wieder zu Fuß zurück ins Büro. Seit diesem Erlebnis fühle ich mich sehr verbunden, mit den Kollegen, dem Ort, dem Land.
Um die Mittagszeit erreichte ich endlich Hinnerk am Telefon, unsere Tickets wurden gebucht, die Fahrt nach Bamako organisiert, irgendwie funktionierte alles, und am nächsten Abend saßen wir im Flugzeug nach Europa, um, wie ich meinem Vater letzten Sommer versprochen hatte, wenigstens bei seiner Beerdigung dabei zu sein.

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